Siemens ist mit seinem Umgang mit dem Open-Source-Projekt Open Radioss in Kritik geraten. Statt das Projekt angemessen zu archivieren oder in einen stabilen Zustand zu versetzen, löschte Siemens das komplette Repository auf GitHub. Dies geschah nach der Übernahme des Unternehmens, das das Projekt ursprünglich entwickelt und betreut hatte.
Open Radioss ist eine Simulationssoftware für Crashtest-Szenarien und wurde von Altair Engineering entwickelt, bevor Siemens das Unternehmen übernahm. Die Software war unter einer Open-Source-Lizenz verfügbar, was Entwicklern und Forschern erlaubte, den Code zu nutzen, zu modifizieren und zu verbessern.
Das Problem liegt im Vorgehen bei der Übernahme: Statt das Projekt mit einer finalen stabilen Version zu archivieren und Nutzern Zeit zum Übergang zu geben, verschwand das komplette Repository einfach. Das ist in der Open-Source-Gemeinschaft ein Faux Pas aus mehreren Gründen. Erstens verlieren tausende Entwickler und Organisationen, die auf Open Radioss bauen, ihre Infrastruktur und müssen hastig Alternativen finden. Zweitens signalisiert dies mangelnde Respekt vor der Community und der Arbeit aller Contributor.
Der Vorfall wirft Fragen zur Nachhaltigkeit von Open-Source-Projekten auf: Wenn ein Unternehmen ein solches Projekt übernimmt und anschliessend stillegen möchte, müssen klare Prozesse gelten. Best Practice wäre es, das Projekt an andere Betreuer zu übergeben, es zu archivieren oder zumindest einen längeren Übergangszeitraum anzubieten.
Siemens hat sich (soweit öffentlich bekannt) nur begrenzt zum Vorgehen geäussert. Vermutlich liegt der Grund in strategischen Überlegungen: Siemens möchte die Simulation-Software möglicherweise nicht als Open Source anbieten, sondern nur als proprietäres Produkt.
Für KMU und Open-Source-Nutzer ist dies eine Mahnung: Abhängigkeiten von Open-Source-Projekten, die von Unternehmen betrieben werden, bergen Risiken. Besonders bei Übernahmen oder Restrukturierungen können Projekte plötzlich verschwinden. Eine Strategie ist es, kritische Open-Source-Software lokal zu spiegeln oder sich an Communities zu beteiligen, die nachhaltiger strukturiert sind (z.B. Foundation-gestützte Projekte wie Linux oder Apache).
